Search
i

30 ist das neue 40

– Nach dem Ende unserer Ausbildung gilt unsere volle Aufmerksamkeit der Suche nach einem Job. Irgendeinem Job. Wenn man einen gefunden hat, ist die Freude groß und der gefühlte Reichtum nach der entbehrlichen Ausbildungs-Zeit unendlich. Nach den ersten Jahren beginnen wir dann üblicherweise nach einem Job zu suchen, der eine tatsächlich vernünftige Bezahlung bietet. Auch das lässt sich oftmals einrichten. Aber irgendwann müssen wir dann einsehen, dass Geld alleine tatsächlich nicht glücklich macht und wir sehen uns auf grundsätzliche Fragen zurückgeworfen. Diese Phase setzt erfahrungsgemäß rund um eine vorgezogene Midlife-Crisis Anfang 30 ein. In dieser hinterfragt man dann gerne mal den eigenen Job, die Studienwahl oder auch das Wirtschaftssystem an sich. Am Ende steht dann meist die große Frage danach, was man machen würde, wenn man sich eine Tätigkeit aussuchen dürfte. Aber was ist das bloß?

Was mache ich eigentlich gerne?

Gerade die Frage nach der Leidenschaft wird gerne schnell beantwortet mit Aussagen wie „eigentlich möchte ich gerne mehr mit Menschen machen“ oder auch „eigentlich möchte ich nichts mehr mit Menschen zu tun haben“. So oder so, ist es gefährlich, hier so abstrakt zu bleiben. Eine thematische Eingrenzung ist jedenfalls sinnvoll, aber nicht hinreichend. „Ich habe mich immer für Psychologie interessiert“ führt einen schnell dazu, ein umfangreiches Studium zu beginnen, obwohl eigentlich nur ein Teilgebiet davon wirklich interessant erscheint.

Deshalb gilt: Eine Ausbildung oder einen neuen Job zu beginnen oder gar ein Unternehmen zu gründen ist nicht schwierig. Die entscheidende Frage ist nur: Gefällt mir das neue Betätigungsfeld gut genug, dass ich mich auch in schweren Zeiten hingebungsvoll aufopfern kann und nicht nach 3 Monaten wieder radikale Veränderung suchen muss? Kurz gesagt, was ist das eigentliche Kernthema, das die brennend interessiert?

Unsere ureigenste Leidenschaft zu finden ist schwieriger als es auf den ersten Blick scheinen mag. Eine Leidenschaft ist schließlich nicht einfach eine Wahl, die man treffen kann – auch wenn es so scheint, als ob wir einfach etwas wählen könnten, zu dem wir uns spontan hingezogen fühlen. Vielmehr entspricht eine solche Suche einer Archäologie des eigenen Geistes, einer Entdeckung dessen, was man selbst ist. Denn wenn man es zustande bringt, seine Leidenschaft zu erkennen und auszuleben, dann „wird man, was man ist“.

 

Das Ziel ist das Ziel?

Leidenschaft scheint zunächst eng mit Sehnsucht verbunden. Leidenschaft äußert sich darin, dass man sie nie gänzlich befriedigen kann. Entsprechend kann man sich fragen, worin die eigenen Sehnsüchte liegen. In welchen Situationen sieht man sich selbst besonders gerne oder würde man sich gerne häufiger sehen? Indem man Menschen in Not helfen kann? Indem man andere zum Lachen bringt? Indem man besonders schwierige, technische Probleme löst?

Das kann unter Umständen auch dadurch klarer werden, indem man sich persönliche Vorbilder vor Augen führt. Vorbilder geben nicht nur ein Bild davon ab, was sein könnte, sondern oftmals auch eine „Anleitung“ wie man dieses Ziel erreichen kann.

Allerdings kann diese Technik auch gefährlich sein: Nicht immer lässt sich der Weg von großen Vorbildern beschreiten, nur die wenigsten von uns könnten Tennis spielen wie Roger Federer. Selbst „Soft Skills“ lassen sich nicht immer entsprechend der eigenen Sehnsüchte entwickeln. Nicht jeder von kann eine Detailversessenheit wie Steve Jobs entwickeln. Und schließlich gilt, dass das Nacheifern unserer Vorbilder dazu führen kann, dass wir eben nicht unseren eigenen Weg gehen.

Oftmals gefällt uns an Vorbildern, was sie sind – berühmt, reich, verehrt, geliebt – wir übersehen dabei aber wie sie dort hingekommen sind. Nämlich in der Regel über eine unglaubliche Versessenheit bei dem, was sie tun. Die Frage nach der Leidenschaft ist deshalb primär die danach, was ich sein möchte. Ganz im Gegenteil spielt diese Frage kaum eine Rolle. Vielmehr stellt sich die Frage danach, was ich machen möchte ohne das Versprechen eines bestimmten Sollzustandes vor Augen  zu haben. Diese Technik kann also Unterstützung bieten, aber kaum eine hinreichende Antwort.

 

Beruf: Computerspieler

Vorne weg: Auch diese Möglichkeit bietet in meinen Augen nur bedingt eine Hilfestellung. Um die eigene Leidenschaft zu erkennen, empfiehlt die Fachliteratur nämlich gerne Sätze nach dem Schema:  „Was würden Sie im Alltag tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?„. Das führt uns zumeist zu unseren Hobbies. Für Leute mit „praktischen“ Hobbies wie Tischlern, programmieren oder Autoreperaturen kann dies einen guten Hinweis bieten. Aber was gilt für andere Hobbies wie etwa Tennis spielen oder Playstation zocken? Solches Hobbies dienen nur in den seltensten Fällen als eine Leidenschaft, die als Beruf dienen kann.

Allerdings muss auch erwähnt werden, dass die Frage „Was würden Sie im Alltag tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?“ nicht unbedingt auf Hobbies abzielen muss. Es sind vielmehr die Ideen die man während eines ausgedehnten Urlaubs oder eines Sabbaticals bekommen kann. Die meisten Hobbies dienen zur Zerstreuung. Diese Tätigkeiten stehen hingegen am anderen Ende des Spektrums. Wenn Entspannung und Zerstreuung lang genug genossen wurde, beginnt man sich nach einer „sinnvollen“ Aufgabe zu sehnen. Es sind viel eher diese Tätigkeiten, die wir tun würden, wenn Geld im Alltag tatsächlich keine Rolle spielen würde. Das Problem dabei ist nur, dass wir üblicherweise nur selten in einen solchen Zustand der Klarheit und Ruhe geraten, um diese Tätigkeiten in Betracht zu ziehen. Und wenn wir ihn doch erreichen, dann sind wir schnell zu entspannt, um die Mühe zu erkennen, die mit einer sinnvollen Tätigkeit – so spannend sie in diesem Augenblick erscheinen mag – einhergehen kann.

 

Was ist deine Frage?

Auch wenn wir keine Hobbies haben, die auch als echte berufliche Betätigung dienen können, so kann es trotzdem Interessen geben, die spannend genug sind, um uns bei Laune zu halten, um uns vor allem zu ermutigen, neues zu lernen und anzuwenden. Der Übersetzung aus dem Lateinischen nach bedeutet „Interesse“ soviel wie „teilnehmen“ oder „dabei sein“.

Leidenschaften äußern sich vor allem über Fragestellungen, die uns über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten

Die Frage nach Interessen führt uns deshalb dazu, was uns ohnehin schon beschäftigt. Allerdings handelt es sich dabei nicht – wie beim eigenen Hobby – um eine Tätigkeit, sondern primär um ein Objekt unserer Neugierde. Bei der Überlegung zu unseren eigenen Interessen können deshalb folgende Fragen sinnvoll sein:

  • Was macht mich neugierig?
  • Worüber lese ich gerne in meiner Freizeit?
  • Zu welchem Thema sehe ich mir gerne Filme oder Dokumentationen an?
  • Über welches Thema diskutiere ich gerne mit anderen?
  • Über welches Thema zerbreche ich mir häufig und gerne den Kopf?

Leidenschaften äußern sich demnach vor allem über Fragestellungen, die uns über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten.

 

Manchmal geht es um die kleinen Dinge im Leben

Manchmal tun wir uns schwer damit, Themen zu definieren, die uns intensiv und über längere Zeit beschäftigen. Dabei vergessen wir aber auch gerne, dass es nicht immer um „große“ Fragen wie die Entwicklung von künstlicher Intelligenz oder der Heilung von Krebs gehen muss. Oftmals äußern sich Interessen ganz einfach darin, dass sie persönliche Fragestellungen darstellen. Die könnte etwa lauten: „Wie gestalte ich mein Training besonders effizient?“, „Wie kann ich mich gesund, aber schmackhaft ernähren?“ oder auch „Wie kann ich zu mehr Gelassenheit und Balance im Leben kommen?“. Viele Menschen sind bereit, viel Zeit und Energie in die Beantwortung solcher Frage zu stecken, meinen aber gleichzeitig, dass sie die einzigen wären, sie eine solche Beantwortung interessiert.

Werde, der Du bist

– Friedrich Nietzsche

Oftmals wird unterschätzt, dass Fragen, mit denen man sich selbst intensiv auseinandersetzt, meist auch andere Leute beschäftigen. Ebenso wird häufig unterschätzt, welche Expertise man sich zu einer bestimmten Fragestellung aneignen kann, wenn man sich über längere Zeit damit beschäftigt. Kurz gesagt: Wenn man sich über längere Zeit mit einer Fragestellung auseinandersetzt, bietet genau diese Fragestellung womöglich den Hinweis auf eine echtes Interesse, vielleicht sogar eine „Leidenschaft“.  Auch wenn die Antwort auf die Frage nach der eigenen Leidenschaft oft schwer zu beantworten ist, so müssen wir unsere Leidenschaft nicht erst entwerfen, sondern entdecken und schärfen. Wie Friedrich Nietzsche in Anlehnung an den griechischen Dichter Pindar sagte: „Werde, der Du bist“.

 

tl;dr

Wenn wir uns über unseren idealen Job Gedanken machen, kommen wir nicht umher, zunächst herauszufinden, worin unsere Leidenschaft liegt. Eine Leidenschaft lässt sich aber nicht darüber definieren, wie wir uns gerne sehen würden. Auch unsere Hobbies können in den meisten Fällen nicht als echte Leidenschaft dienen. Vielmehr äußert sich unsere Leidenschaft in einer Fragestellung, die uns über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet. Das kann genauso gut eine „große Frage der Menschheit“ wie ein ganz persönliches Anliegen sein.

 

 

4 Comments

  • 12. Januar 2018
    Peter

    Hi!
    Hab mich während und auch noch nach dem Durchlesen gefragt ob ich einer der Wenigen – oder einer der Vielen – bin auf die der erste Absatz überhauptgarnicht zutrifft.
    Ausbildung beendet mit dem Wissen dass ich in dieser Branche NIEMALS tätig sein werde!
    Größte Leidenschaft zum ersten Beruf gemacht und gut verdient dabei!
    Danach mit der größten Leidenschaft selbständig gemacht – meinen Traum gelebt!

    Traumjob ist, denke ich, ein Oxymoron.
    Traum als etwas Optimales und vielleicht sogar nicht vollständig Realisierbares und der Job als etwas was ich tun muss damit ich überleben kann.

    Was bleibt, ist zu finden wozu man sich berufen fühlt – und heraus zu finden ob es wahr ist!

    Eines noch: Es wird besser mit dem Alter 🙂

  • 18. Januar 2018
    Peter

    Hi Philipp!
    Ich hab mir jetzt ein wenig Zeit genommen um über deine Frage nachzudenken.
    Der zweite Teil ist leicht zu beantworten – wie hab ich sie zum Beruf gemacht? Es ergab sich eine Gelegenheit und ich bin ins kalte Wasser gesprungen. Wobei, eigentlich wusste ich damals nicht dass das Wasser kalt war. Soll bedeuten, ich hab die Gelegenheit ergriffen und das gemacht, was mir richtig erschien. In den darauf folgenden 6 Jahren habe ich gelernt zu schwimmen.
    Und nun zum schwierigen Teil – wie hab ich sie erkannt? Garnicht! Als 11jähriger erkennst du keine Leidenschaften, aber du bist von etwas begeistert. Bei mir waren es die HomeComputer. Da entstand etwas völlig Neues. Die Erwachsenen hatten keine Ahnung davon was da abging. Wir hatten unser eigenes Ding, wir waren eine eingeschworene Truppe, die Computerkids der ersten Stunde. In der Retrospektive war es Leidenschaft vom Feinsten! Nächte wurden durchgemacht, Neues ausprobiert, jeden Tag auf’s Neue, über Jahre. Für mich war das das Einzige was Sinn machte, nicht die Ausbildung und nicht die Frage nach dem was passiert danach. Diese Frage stellte sich nicht, es gab so viel zu tun an jedem einzelnen Tag. Es gibt dafür so viele „gescheite“ Sprüche. „Folge deinem Herzen!“ ist vielleicht der der am besten zu meinem damaligen Zustand passt. Es gab da nix Anderes, nix was auch nur annähernd an das heran kam. Und daher war auch ganz klar dass es in diese Richtung weiter geht – da war keine Frage oder eine gar eine strategische Überlegung. Und als die Gelegenheit vorbeikam hab ich es getan – fertig!
    Also betreffend „Traumjob“ – oh wie ich diese Wort hasse 😉 und wie man ich findet:
    Das was mir Spass macht auch tatsächlich machen. Im echten Leben ausprobieren wie es sich anfühlt und dann los!

    PS: Geld spielt immer eine Rolle – aber das ist ein ganz anderes Thema.

Sorry, the comment form is closed at this time.